Sensually Yours

Ilona Rueggs vorsichtige Intervention in den öffentlichen Raum.

 

Es ist nicht leicht, öffentlichen Raum als Begriff eines Ortes zu definieren. Öffentlich meint den freien Zugang für eine größere Anzahl von Personen, nicht nur einer Minderheit. In seiner eigentlichen Bedeutung sollte öffentlicher Raum aber auf eine besondere, persönliche Weise erfahrbar werden - in einer Kombination aus einer gewissen Allgemeingültigkeit, die ununterbrochen mit etwas spezifisch Privatem auftritt. Alles hängt davon ab, auf welche Weise diese Verknüpfung aus Kollision und behutsamer Annäherung von Wünschen, Begierden und Ängsten nicht bloß stattfindet, sondern,

SENSUALLY YOURS, Mika Hannula, erschienen in LUFTHAUS / Zeitbau 4. Frankfurt 2006

um es präziser zu formulieren, selbst zu einem Ort wird. Nicht irgendwo, in der Umgebung, sondern genau hier und jetzt.

 

Mit ihrem Projekt Luft Haus / Zeitbau 4 gelingt Ilona Ruegg eine unorthodoxe Anordnung sehr einfacher Elemente und Bauteile. Das Projekt wächst in bestechender Klarheit mit seinen Assoziationen und gewinnt so an Tiefe. Eigentlich handelte es sich um eine Art „Entführung“, nämlich von Bauteilen eines Orchideenhauses, das in der Nähe von Frankfurt realisiert werden sollte. Ruegg erhielt die Möglichkeit, eine Woche lang in den Ablauf des Bauvorhabens eine sorgfältig geplante Abweichung und zeitliche Unterbrechung einzufügen. Sie konnte die wesentlichen Elemente des künftigen Orchideenhauses verwenden – jeweils neun vorgefertigte Betonplatten und dazugehörige Ventilatoren – und in Darmstadt vor dem Ausstellungsgebäude auf der Mathildenhöhe installieren.

 

Die Betonplatten unterschiedlicher Größe ordnete Ruegg zusammen mit den betriebenen Ventilatoren so an, dass man beim Betreten des Hofs direkt mit ihnen konfrontiert wurde, in einer Installation aus Betonteilen und den summenden Ventilatoren, die für Luftumwälzung sorgen sollten. Die Besucher sahen sich einem synchronen Vorgang gegenüber, bei dem etwas gleichzeitig geschieht und aufgehoben wird und sich auf diese Weise in einen operativen Ort verwandelt. Die eingesetzten Elemente funktionieren eben nicht wie gewöhnliche Baumaterialien, sondern fügen sich zu etwas Neuem zusammen. Wir werden Zeuge eines subtilen Wechselspiels von Erwartungen und Erfahrungen, zwischen uns bekannter Funktion und dislozierter Sensibilität. Die spezifische Bedeutung erschließt sich nicht im qualitativen Charakter der Objekte selbst oder in dem Ort, an dem diese stehen, sondern vielmehr in der Art und Weise, wie sich Ort und Objekte gegenseitig in neuer und ungewohnter Form beeinflussen.

 

Rueggs künstlerischer Eingriff kommt einer Strategie bemerkenswert nahe, die etwas, das wir für selbstverständlich halten, hervorhebt, sichtbar macht und so in einem zuvor nicht gekannten Licht erscheinen lässt. Michel Foucault bezeichnet diese Strategie mit dem Begriff des Zum-Ereignis-Machen (Événementalisation). Hierbei handelt es sich um ein geistiges und körperliches Werkzeug, das uns zuerst die Wahrnehmung ermöglicht und erkennen lässt, wie sich das alltägliche Leben strukturiert, um dann in einem nächsten Schritt neue Spielregeln aufzustellen. Wie es bei Foucault heißt, meint Zum-Ereignis-Machen „einen Bruch der Evidenz. Dort wo man versucht wäre, sich auf eine historische Konstante zu beziehen oder auf ein unmittelbar anthropologisches Merkmal, oder auch auf eine Evidenz, die sich allen auf die gleiche Weise aufdrängt, geht es darum, eine Singularität auftreten zu lassen“ (1987, S. 104).

 

Foucault suchte nach einer besonderen, diskursiven Bedeutung, die demonstrieren und dokumentieren sollte, dass die Dinge nicht immer so sind, wie sie scheinen, und Möglichkeiten existieren, den Begriff der Normalisierung oder die versteckten Machtbeziehungen aufzubrechen. Nach Foucault „besteht das Zum-Ereignis-Machen ansonsten darin, die Zusammenhänge, die Zusammentreffen, Unterstützungen, Blockaden, Kraftspiele, Strategien usw. wieder zu finden, die zu einem bestimmten Zeitpunkt dasjenige formierten, das anschließend als Evidenz, Universalität oder Notwendigkeit fungieren sollte. Nimmt man die Dinge in dieser Weise, dann gelangt man zu einer Art kausaler Demultiplikation“ (ibid).

 

Ruegg konfrontiert uns bei Luft Haus / Zeitbau auf eine unerwartete Weise mit dem Begriff des Zum-Ereignis-Machen. Der künstlerische Akt bleibt einmalig, ist unwiederholbar, einzigartig auch hinsichtlich der ihm innewohnenden Logik und Haltung. Es geht offensichtlich um einen Verschiebungsprozess von Teilen, die sich eigentlich auf dem Transport zu einem anderen Ort befinden. In dieser Umkehrung von Funktionalität wird vor allem Rueggs sehr eigene Vorgehensweise besonders deutlich. Im Unterschied zu den oft strategischen Ausrichtungen von Zum-Ereignis-Machen soll bei diesem Raumprojekt nicht eine Geschichte noch einmal erzählt werden, um unterprivilegierten Personen oder Minderheiten Gehör zu verschaffen. Ruegg interessiert es nicht, irgendwelche Geheimnisse zu enthüllen oder etwa Licht auf die dunklen Seiten der Bauwirtschaft zu werfen.

 

Ihr geht es vielmehr in einer irritierenden Weise um bestimmte emotionale Wirkungen. Die Installation der Betonplatten zusammen mit den Geräuschen der Ventilatoren demonstrieren eher eine zarte Andeutung als dass sie direkt auf die Ungerechtigkeit in der Welt anspielen. Nicht abstrakte Möglichkeiten oder theoretische Phänomene werden untersucht, sondern vorrangig die Funktionsweisen der massiven Blöcke aus Beton und Metall in einer Alltagssituation. In ihrem künstlerischen Eingriff entwickelt Ruegg erst einmal ein Gefühl für den Ort und die dabei verwendeten Materialien. Sie möchte nicht, bildlich gesprochen, in einem Zustand der Verwirrung einen Baum umklammern und plötzlich zu Metall werden, sondern der räumlichen Wahrnehmung Erfahrungen hinzuzufügen, die dort eigentlich nicht hingehören – und zwar auf eine Weise, dass man durch Empfindungen in diesen Objekten mehr als bloß funktionale Formen und benutzte Materialien sehen kann.

 

Als Folge dieser sorgfältig durchdachten Anordnung gewinnen die Objekte neues Leben, nicht als Illusion, sondern in einer zeitweiligen Aufhebung, aus der sich eine Form von Sinnlichkeit entwickelt, nicht zu trennen von ihrer tatsächlichen Funktion. Die Objekte vermitteln, zusätzlich zu ihrer eigentlichen Bestimmung, eine Art geborgter Realität. Hier beweist sich ein weiteres Mal die raffinierte Doppeldeutigkeit des künstlerischen Eingriffs. Indem Ruegg die in der Konstruktion eines Gebäudes normalerweise versteckten Materialien sichtbar macht - in diesem Fall die eines Orchideenhauses, das erst noch gebaut werden soll -, können wir die Verbindungen und Materialität im gesamten Ablauf Schritt für Schritt nachvollziehen. Wir erkennen nicht nur, aus welchen Materialien das künftige Gewächshaus besteht, sondern automatisch den ganzen Prozess des Transports von einem Ort zum anderen, und wir begreifen, was sich als das eigentlich Unheimliche an dieser Umleitung zur Mathildenhöhe herausstellt, einem Ort, an dem man sich entspannen soll, dem aber, in Interaktion mit seinem politischen, historischen, psychologischen und ökonomischen Kontext, eine außergewöhnliche Bedeutung zukommt.

 

In diesem Projekt haben wir ein erstaunliches Beispiel für einen neuen Typus von Kunst im öffentlichen Raum vor uns. Das Kunstwerk setzt Referenzen zu Anwendungen von visueller Kommunikation außerhalb des White Cube bewusst ein, lässt sich jedoch nicht vereinnahmen vom Geist der Minimal Art und ihrer reduzierten Formensprache. Stattdessen befragt der künstlerische Eingriff von sich aus die Bedingungen und Parameter einer an den Ort gebundenen Kunst, indem sich der Blick von der rein physikalischen Beschaffenheit eines Ortes auf die eigentliche Natur eines fortlaufenden Prozesses wendet. Dieser wird in der Tat beherrscht von seinem Ablauf, kann weder kontrolliert noch aufgehalten werden, und es geht auch nicht um die Suche nach einer definitiven Aussage. All das gelingt mit einem versteckten Humor, der an das Vergnügen der Beobachtung erinnert, wie graue Farbe auf einer weißen Wand trocknet. Ein Vorgang voll süßer Erwartung, gleichermaßen ernsthaft und doch sinnlos.

 

Luft Haus / Zeitbau leistet diese kritische und reflektierte Form einer Interpretation von orts-spezifischen Vorgehensweisen auf mindestens drei Wegen. Es beginnt mit der Idee und Konzeption des Eingriffs, setzt sich fort im zum Verfügung stehenden temporären Volumen und endet schließlich in einer nicht-proprietären Aussage der künstlerischen Arbeit.

 

Rueggs konzeptionelle Vorstellungen führen uns zurück zu der Bipolarität, die mit dem künstlerischen Akt einhergeht. Dieser ist öffentlich und privat zugleich, wirkt irgendwie distanziert, aber auch von einer leidenschaftlichen Partizipation. Vor allen Dingen geschieht er grundlos, ohne einen bestimmten Anlass. Die Arbeit beschäftigt sich mit den Materialien eines Orchideenhauses, ohne nach Bestimmungen zu suchen, sie befragt deren individuelle Eigenschaften, ohne irgendeine Form von Reaktion zu erwarten. Daraus resultiert eine temporäre Vorstellung von einem Gefühlszustand an einem bestimmten Ort.

 

Man könnte dies einen Akt von seltener Gastfreundschaft nennen, der auf seine Struktur der Temporalität zurückverweist. Die Objekte sind offensichtlich nicht für eine dauerhafte Installation gedacht, sondern werden schon eine Woche später an ihren ursprünglichen Bestimmungsort weitergeschickt. Diese Verlagerung hinterlässt keine sichtbaren Spuren, aber Formen von Empfindung – als physische Erinnerung an die Intervention in einen Ort. Die Temporalität gewinnt ihre Bedeutung durch Handlungen, die ohne jede Reaktion auskommen wollen. Sie bleibt machtlos, ohne Ansprüche. Sie verharrt im Wartezustand, ungeschützt, auf radikale Weise offen. Bereit für jede Form der Aktion oder Reaktion.

 

Es handelt sich um eine nicht passive Präsenz, um aktive Disposition, gekennzeichnet von einer gewissen Bereitschaft, denentsprechenden Ort und die dortigen Gegebenheiten wahrzunehmen und zu empfinden. Sie gibt nicht nach, unterwirft sich nicht, ist ungeschützt, und das mit Absicht – ungeschützt der Interaktion gegenüber, dem Geben und Nehmen, den Kollisionen und Auseinandersetzungen. Es geht um die Formulierung eines Anfangs von etwas, das a priori unentschieden ist und dessen Bedeutung sich nur innerhalb des Prozesses und der durch ihn geschaffenen Erfahrungen ergibt.

 

Die Vorstellung von einem Geben, ohne dass man darum gebeten wurde, kristallisiert sich in dem Verhältnis, das Ruegg zu ihrer Arbeit einnimmt. Die Realisierung des künstlerischen Eingriffs ist sorgfältig geplant und durchgeführt, trotzdem nicht ihr Eigentum. Es handelt sich um ein Geschenk - an den Raum, an die Menschen, die sich dort aufhalten. Ruegg weiß sehr genau, dass sie keinerlei Eigentumsrechte auf die Objekte des Projekts beanspruchen kann. Es geht in ihrer Arbeit ausschließlich um den Prozess der Umleitung und Rückführung.

 

Wir haben einen Akt der Unterbrechung vor uns, jedoch nicht im Sinne einer Zerstörung. Uns erschließt sich eine neue Welt, etwas Unerwartetes, nicht Geplantes wird sichtbar, das auf einer Logik des Teilens basiert, eben nicht auf Besitzdenken. Es geht um Respekt, um die Notwendigkeit, einzubeziehen statt auszuschließen. Der künstlerische Eingriff erinnert an die Vorstellung der prinzipiell freien Software (Open Source) und Sammlung von Wissen, das auf allgemeinen Erfahrungen mit Peergroups basiert, nicht-proprietär, aber trotzdem äußerst motivierend und damit erfolgversprechend. Wie in der Geschichte von Robin Hood. Wobei hier niemand einen Diebstahl begeht, sondern man sich etwas ausleiht. Es geht um die Formulierung einer Aussage als Anregung zum Nachdenken. Die Installation und der Ort können von jedem temporär genutzt werden, der von der Einladung Gebrauch machen möchte, auf eine andere Weise zu sehen, zu fühlen und zu leben. Trotzdem muss der Ort respektiert werden, für jeden, nachdem man den Ort längst verlassen hat, ebenso frei zugänglich sein wie für einen selbst.

 

Ein Kunstwerk in solcher Form von Intervention vermag uns genau das zu liefern, wonach wir so verzweifelt suchen. Es lässt uns an eine Möglichkeit von Bewegung denken, die nicht vollkommen außerhalb der Strukturen, sondern neben ihnen existieren kann. Es geht um eine Beteiligung an Sammlung von Wissen, das nicht notwendigerweise auf Ausbeutung, proprietärer Logik von Angebot und Nachfrage oder auf einer exakten Abgrenzung von Eigentümer und Hersteller beruht.

 

Ruegg möchte uns vielmehr dazu einladen, an einem einzigartigen Prozess zu partizipieren, der, nachdem er offensichtlich schon begonnen hat, zu einem bestimmten Zeitpunkt einmalig an einem bestimmten Ort stattfindet, dann seinen Charakter verändert und den Ort wechselt, um etwas vollkommen anderes zu werden. Der künstlerische Eingriff erinnert an einen von Miwon Kwon (1997, S. 110) formulierten Anspruch, nämlich dass an einen spezifischen Ort gebundene Handlungen nicht einfach aneinandergereiht werden sollten, ohne irgendeine Verbindung oder inhaltliche Auseinandersetzung untereinander einzugehen, so wie bei der endlosen Produktion multipler Massenwaren - die mehr an Zombies denken lassen, die aus ihren atavistischen Höhlen vertrieben wurden.

 

Es geht notwendigerweise um kritische Reflexion, alternative Strategien, Anteilnahme und Formen sinnlicher Interaktion. Handlungen, die direkt aufeinander folgen, sich aufeinander beziehen und gegenseitig reflektieren. Durch persönliche Vergleiche, Verbindungen und Konstruktionen. Wie Differenz, die sich aus Differenz ergibt. Dieser Akt von „staunenswerter Gnade“ (Amazing Grace) liefert keine Garantien oder irgendeine Möglichkeit der Lösung. Es existiert ausschließlich dieser fließende Augenblick des Teilens, und ein Erlebnis von Gemeinsamkeit. Das ist nicht nur, wonach wir streben und wofür wir leben, sondern im besten Falle alles, was wir an Reichtum und Schönheit brauchen.

Parcours

Es war nochmals Schnee gefallen, spät im Frühjahr, viel Schnee. Kaum jemand wollte im Haus bleiben, doch der Parcours lag nun unter einer dicken weißen Decke, vollkommen unsichtbar. Die Kieswege, die in sich ein System bildeten, waren extra angelegt worden, um den Gästen die Möglichkeit zu geben, während den kurzen Pausen an die frische Luft zu gehen. Mehrere miteinander verbundene Schleifen erlaubten es, sich an den Verzweigungen immer neu zu entscheiden und auf dem nicht sehr großen Gelände eine vielfältige Bewegungsaktivität zu entwickeln, bei der selten das Gefühl aufkam im Kreise zu gehen. Nach kurzer Zeit konnte der Eindruck entstehen, schon lange unterwegs gewesen zu sein. Doch diesmal zeigten sich nicht einmal Spuren des Parcours. Die locker verstreuten Bäume, die sonst das Innere oder den Rand der Wegschleifen bezeichneten, 

PARCOURS, Ilona Ruegg, Text erschienen in GAGARIN 7, Antwerpen 2006

erhoben sich aus dem nahtlosen Weiss.

Es wurde entschieden, die Wege genauso freizuräumen, wie sie in der Erinnerung unter der Schneedecke verliefen. Die Maschine frass sich leicht durch den tiefen Schnee, versuchte den Parcours zu wiederholen und legte dieselbe Zeichnung Weiss in Weiss an, mit der sich im Sommer der helle Kies gegen das Gras absetzte. Nun senkte sich der Weg knietief in die weiße Masse. Ab der nächsten Pause war es möglich, das Gehen draußen wieder aufzunehmen. Ebenso wie die Kieswege, war die geräumte Spur schmal angelegt, gerade breit genug für eine Person. Aneinander vorbeizugehen war schwierig, nebeneinander herzugehen unmöglich. Unablässig zogen sie auf dem knirschenden Schnee ihre Runden, die eigentlich komplizierte Schleifen waren. Man hätte nicht sagen können, dass sie sich mieden, doch geschah es nie, dass ihre Wege sich kreuzten. Das Gelände war übersichtlich, die Luft frisch, und ohne sich auf besondere Berechnungen einzulassen, schien jeder schon lange vor dem Zusammenstoss die Verzweigung erreicht zu haben, die ihn den eigenen Weg ungehindert fortsetzen ließ. Ob dabei das knirschende Geräusch die Information vermittelte, war nicht auszumachen; jedenfalls war der Blick der Gehenden kein spähender, eher ein schweifender, der sowohl nach innen gekehrt, wie auch in die Ferne gerichtet war. Die Gangart hätte nicht unterschiedlicher sein können. Jene die schnell gingen, verfielen unvermittelt in zögernde Bewegungen, um sich nicht an die Fersen der Langsamen zu heften. Doch nach der Verzweigung nahmen sie ihren Lauf ungehindert wieder auf, vielleicht war ihr Schritt nun noch bestimmter auf der glatten Unterlage. Hin und wieder blieb einer stehen und sofort verlangsamte sich das Treiben in dessen Nähe. Die Bewegungen waren von der Vorsicht gezeichnet, einen Stau zu vermeiden. Wenn auch eine gewisse Dichte entstand, organisierte sich diese eher in der Form eines lockeren Knäuels. Jener, der für eine Weile die unbewegliche Mitte bildete, war sich dessen offensichtlich nicht bewusst. Alsdann gab er diese Position durch seine erneute Bewegung auf und leitete die Entwirrung des Knäuels ein, den er unwissentlich verursacht hatte.

Es kam vor, dass einige mehrmals nacheinander dieselbe Schleife beschrieben, ohne dass dafür ein Grund ersichtlich gewesen wäre. Vielleicht hatten sie einfach die Verzweigung übersehen, oder der schnelle Gang erlaubte es ihnen nicht, die Richtung zu ändern. Sie stellten für jene, welche dieselbe Schleife, sei es auch nur für einmal, benutzen wollten, eine besondere Schwierigkeit dar. Die Wahrscheinlichkeit, dass genau dann, wenn einer sich einschleusen wollte, jemand an der Anschlussstelle zur anderen Schleife auftauchte, war groß. Für eine Weile schien es, dass die im Kreise Gehenden ein ausschließendes Recht darauf hatten, sich zu wiederholen. Jene, die möglicherweise auch in den Kreis eintreten wollten, mussten den Augenblick abwarten, bis die Anschlussstelle gerade frei war, doch kam das nicht einem Warten vor verschlossener Tür gleich. Das übersichtliche Gelände erlaubte jede Kalkulation lange bevor das Problem auftauchte, sodass durch Verlangsamung oder in manchen Fällen sogar durch Rückwärtsbewegung, der günstige Moment ohne Stillstand herbeigeführt werden konnte. Die Bewegung im vermeintlich geschlossenen Kreis wurde manchmal ausserordentlich dicht, weil es immer mehr Gehende geschafft hatten, in ihn einzutreten. Dies wiederum schien manchen den bloßen Versuch zu verleiden, ja es war offensichtlich, dass sie mit einigem Desinteresse daran vorbeizogen und deshalb ihre Gangart freier wählen konnten, denn es waren jetzt merklich wenige auf den verschlungenen Wegen unterwegs. Hier schien die Zeit weder stillzustehen noch zu enteilen. Die vielfältig ineinander verschlungenen Wege erlaubten Bewegungsabläufe, welche sich kaum wiederholten und deswegen immer neue Überraschungen bereithielten.

Während der Schnee auf dem geräumten Parcours noch nass und schwer lag, bildeten sich unter den austreibenden Bäumen schon kleine braune Inseln, die sich täglich vergrößerten, bis sie an manchen Stellen an die Wege heranreichten und diese sogleich braun färbten. Waren es jene, die für einen Moment der Versuchung, den weißen Weg zu verlassen, nicht widerstehen konnten, und damit die Färbung zurückbrachten, oder war es das Stück Erde, das den Schnee infizierte? Das regelmäßige Gehen und die höheren Temperaturen beschleunigten jedenfalls beide den fortschreitenden Schmelzvorgang. An sonnigen Stellen begann sich der Schnee von den Rändern her zurückzuziehen. Bald führten die Schritte über feuchte Erde und in schattigen Zonen weiter über matschigem Schnee. Die weißen Ränder, die vorher den geräumten Parcours bezeichnet hatten, stimmten nun keineswegs mehr mit diesem überein. Dafür machte sich hier und dort der ursprüngliche Kiesweg bemerkbar. Die Gehenden folgten sich zwar immer noch in größeren oder kleineren Abständen, doch hätte man sagen können, dass sie jetzt vielspurig hintereinander hergingen, mal hier auf braunem Gras, mal dort auf Kies oder noch immer im Schnee, was einer freudigen Verwirrung gleichkam. Einige begannen die Schneeränder zu zertreten, um den Rückzug der Schneemassen zu fördern. Je mehr die Ränder sich zurückzogen, desto klarer trat an einigen Stellen der helle Kiesweg hervor, um an anderen Stellen unter der restlichen Schneedecke zu verschwinden und dann wieder aufzutauchen. Bald erriet man den ursprünglichen Parcours, leicht verschoben zum geräumten Weg und es dauerte nicht lange, bis einige durch den verbleibenden Schnee stapften, um damit nach und nach auch die fehlenden Wegstücke freizulegen.

War die Gangart zuvor eine kontinuierliche, meist vorwärtsgleitende gewesen, welche sich durch leichtflüssige bis zähflüssige Geschwindigkeiten ausgezeichnet hatte, so ließ der dauernde Wechsel zwischen alten und neuen Wegstrecken nun ganz neue Bewegungsrichtungen entstehen. Die momentane Verwirrung der veränderlichen Weglage war für die Gehenden in keinem Augenblick ein Hindernis ihr unablässiges Treiben fortzusetzen. Zuvor hatten sie sich ausschließlich auf den freigeräumten, geränderten Weg verlassen können. Sie pflegten ihn ganz selbstverständlich zu benützen, fühlten sich frei ihre Richtung einzuschlagen und an den Verzweigungen zu entscheiden in welche neue Schleife sie sich einschleusen wollten oder eine eigene Gangart zu wählen, solange sie es vermeiden konnten, dass sich die Wege gegenseitig kreuzten oder dass andere überholt wurden. Nun aber kam der Weg abhanden und gleichzeitig kam er erst hervor. – Nur manchmal war die Nachzeichnung in Form der geräumten Spur in völliger Übereinstimmung mit dem Parcours gewesen. Eine kurze Weile bewegten sie sich wahlweise auf der einen oder anderen Spur, wechselten einer Laune gehorchend und brachten dadurch die eine zum Verschwinden, während sie sich mehr und mehr auf das Erscheinen der anderen einstellten. Einige benützten die Gelegenheit ihre Gangart unangepasst zu beschleunigen, obwohl vor ihnen jemand den Schritt verlangsamte und wechselten, wo es möglich war, einfach die Spur, um den unerwünschten Zusammenstoss zu vermeiden. Es kam jetzt vor, dass sie eine Weile unbehelligt nebeneinander hergingen, der eine auf Schnee, der andere auf Kies und oft kreuzten sich die Wege der Gehenden ganz selbstverständlich, ohne Widerstand.

Wenig später hatten sich die braunen Inseln unter den Bäumen aufgelöst, zugunsten der immer kleiner werdenden weißen Flecken im Inneren der Wegschleifen. Man ging wieder auf Kies.

Ilona Ruegg 2006

Plant Plast

Vielmehr scheint es so, als würde sich an dieser Stelle ein allgemeines Gesetz
des Eindringens zu erkennen geben: Es gibt kein einmaliges Eindringen, sobald
es ein Eindringen gibt, vervielfältigt es sich bereits, bestimmt es sich in immer
neuen immanenten Unterscheidungen.

Jean Luc Nancy

PLANT PLAST, Edgar Schmitz, erschienen in Katalog ILONA RUEGG, Kunsthalle Bern 2002

Die eingewickelten oder eingetopften Wurzelballen in Ilona Rueggs Serie ‘Trees older than me, waiting’ (1997) sind sorgsam entwurzelt und aufbewahrt und dabei nicht nur von ihrem Ursprung getrennt, sondern auch gegen den Ort isoliert, an dem sie sich hier befinden. ‘Entwurzeltes’ wird hier nicht verwahrt, sondern im Aufbewahren in Zusammenhänge und Anordnungen überführt, in denen Wurzeln durch ganz andere Formen von Einbindungen ersetzt sind.

Die Schläuche, die die Bäume wässern, machen aus der Ablagerung ein Geflecht und verlängern die Wurzelstränge in ein Versorgungssystem, das sie zusammenbindet und gleichschaltet. Der erweiterte Zusammenhang verbindet und hält zusammen, wie er ebenso als Vorgriff auf zukünftige Verteilungen schon in der Anlage trennt, und legt damit immer schon andere Einbindungen an, mit denen sich ‘Entwurzelung’ als Loslösung aufhebt und anfängt, etwas anderes anzuzeigen. An die Stelle von Verortung tritt Lagerung als eine Übergangsposition, in die potentielle zukünftige Orte immer schon eingezeichnet sind.

Auch die Labels, die an einigen der Bäume sichtbar werden, sind weniger benennende Kategorisierungen als Verweise auf andere mögliche Zusammenhänge, die die Bäume absondern und im Vorgriff auf Verpflanzungen in andere Verwertungen und an andere mögliche Orte anbinden. Dabei geht es nicht um die Einbindung selbst, sondern vielmehr um deren Möglichkeit - das Label, das in ‘Trees older than me, waiting 4’ [Abb.1] ohne Baum am Boden liegt, macht aus jeder Zuordnung eine nur mögliche und isoliert die Schilder als freistehende Elemente in einem offenen Gefüge. Im Bild selbst beanspruchen auch die Schläuche einen ähnlichen Spielraum, wo sie hinter Bäumen und Töpfen verschwinden, nur um an anderen Stellen wieder hervorzutreten, oder auch scheinbar mitten im Bild und in dessen Vordergrund abbrechen (‘Trees older than me, waiting 1’ [Abb.2]). Nur das Licht, das sich hier auf dem Schlauch fängt, deutet die Rundung nach hinten an, in der sich das Netzwerk fortsetzt, auch wenn es in der Form selbst nicht lesbar ist. Weder der Anlage, von der in den Arbeiten immer nur Ausschnitte zu sehen sind, noch den Bäumen oder ihrer Abfolge sind Schläuche oder Labels so je wirklich zuzuordnen. In den verschiedenen Formen ihrer Anbindungen erstellen sie stattdessen eine Situation, die sich immer wieder auf ausufernde Abläufe öffnet. De- und Reterritorialisierungen, alte Ent- und neue Verwurzelungen überlagern sich und verhaften die Bäume in einem Zwischenraum, der nicht mehr in den Dimensionen von Herkunft und Zugehörigkeit zu denken ist, sondern im Sinne von Anordnungen verschiedener Geflechte, die aneinander vorkommen und sich gegenseitig geichermaßen bedingen, aufheben und erweitern.

Auch die Unterscheidungen zwischen Organischem und Unorganischem verschleifen sich, wo Flüsse beide durchlaufen und ihr Funktionieren untrennbar aufeinander beziehen. Wenn es hier überhaupt um Organisches geht, dann als Teil einer entgrenzten, maschinellen Verkettung, die heterogene Elemente in variablen Kombinationen und Funktionen verbindet und dabei vormalig/ursprüngliche Orte ebenso wie zukünftig/virtuelle mit einbindet.  Das in den Falten der Plastikumhüllung kaum noch lesbare Logo auf dem zentralen Wurzelballen in ‘Trees older than me, waiting 4’ löst diese Vernetzungen (auf dem Kopf stehend) als plant plast auf.

 

Flache Vielheiten
Eine solche Art Baum- und Bildmaschine greift in zwei Richtungen aus. Sie umfasst nicht nur verschiedene Gruppen von Elementen (Bäume, Schläuche, die Umfelder, in die sie eingebunden sind), sondern vervielfältigt sich auch in immanenten Unterscheidungen, die die Gruppierungen selbst immer wieder aufbrechen. Wo in ‘trees older than me, waiting 4’ die Stämme am Bildrand nicht zu Olivenbäumen gehören sondern zu Palmen, sind diese zwar in der gleichen Ansammlung abgelagert, stellen dabei aber ganz anderes her und lassen die Anordnungen selbst aus den Fugen geraten. Von den Palmen aus reduziert sich die scheinbare Reihung von Olivenbäumen zur reinen Ansammlung heterogener Bestandteile, die die Reihe auf sich selbst zurückwirft und Einheitlichkeit unterwandert.

Für das Bild bedeutet das ein Nebeneinander, in dem die vereinheitlichende Schlüssigkeit des Bildes aufbricht und andere Elemente freistellt, die vielfach aneinander gebunden sein können, ohne sich in ein übergeordnetes Ganzes einfügen zu müssen. Die Koordinaten räumlicher Zuordnungen heben sich schon in der Überfülle optischer Information auf: wo ein Horizont anzusetzen wäre und normalerweise für die Tiefe im Bild einstünde, erscheint hier wie in anderen Arbeiten der Serie ein Gewirr, in dem sich Vorder-, Mittel- und Hintergrund vermengen und Zuordnungen unklar werden; nicht in Form einer Schichtung, für die die Hecke Hintergrund sein könnte, sondern als Verquickung, an der sie stattdessen Anteil hat.  Wirklich öffnen aber tut sich das Bild, wo sich ober- und unterhalb dieser mittleren Zone die Elemente einerseits auseinanderfalten und andererseits dann (anders) wieder in die Plausibilität des Bildes zurückbinden lassen. Wie die Palmen nicht in diesen Olivenhain, der keiner ist, zu gehören scheinen, gehört auch der im oberen Bildteil freigestellte Trieb nicht mehr wirklich an einen Stamm, sondern ist in sich selbst als Baum abgelöst; was im Bild sonst für den Himmel einsteht, ist für den Ast nicht Hintergrund in einer räumlichen Staffelung des Bildes, sondern nur noch ein Umfeld, das ihn einfangend rahmt und dabei fast überblendet.  Wo dieser Baum, der gerade noch der Hecke angehören könnte, sich als Ast an den eingetüteten Stamm anhängt, der damit eben kein Stumpf mehr ist (oder zumindest nicht nur), verunklärt sich seine Position nur noch weiter. Eine ähnliche Form von Neuzuordnung stellt sich auch am unteren Bildrand her, wo sich gerade von den Palmen die schützende Folie abfaltet und sich aus dem Entwurzelten selbst wieder eine kleine Landschaft herstellt, die sich als Helligkeitsspur in das Bild einfügt und die ansonsten nicht eingelöste Horizontlinie aufgreift und gleichzeitig überhaupt erst herstellt.

Komplexitat stellt sich in dieser Bildmaschine nicht als Absinken in die Tiefe oder in Form von Schichtungen her, sondern als eine Flachheit, die statt Flächigkeit heterogene Nebeneinander ermöglicht und in der sich Wiederholungen auch im Querlauf durch die Dimensionen der Arbeit vollziehen. So, wie der junge Trieb im oberen Bildteil ‘Baum’ verdoppelt und dabei deterritorialisiert, überlagern sich in ‘Trees older than me, waiting 3’ [Abb.3] die verschiedenen Dimensionen der Bildelemente. Der Erdhaufen im Hintergrund gleicht sich einerseits als Erdmasse dem Wurzelballen im Vordergrund an, ist andererseits aber auch eine Aufschüttung, die die Aufreihung der Bäume hinterfängt und dabei selbst nur eine weitere Form von Anordnung vorstellt. Bildzentral treffen beide auf die angehäuften hellen Säcke, die sich als noch wieder andere Form von Ablagerung in das Gefüge einschreiben und dabei das Repertoire von Anordnungen geradezu diagramatisch erweitern.
Mehr oder weniger explizit verklammern die Spielräume, die sich in diesen Wiederholungen erweitern, immer auch Zeitlichkeiten. ‘trees older than me, waiting’ spannt die Bäume schon im Titel zwischen die Pole von schon-älter-sein und noch-warten ein, und auch die Verunklärung von Zugehörigkeiten zwischen jungen Trieben und alten Stämmen zeigt diese in sich widerspruchsvolle Zeitlichkeit an. Die neuen Sprossen sind immer jung und hebeln Dualitäten von Dauer und Anfang, alt Gegebenem und neu Geschehendem aus, gerade weil sie im Beschnittensein des Stammes und dem Neu-Austreiben der Sprossen an einen Punkt des Eingriffs gebunden sind, der immer wieder Anfänge herstellt und damit auch immer wieder neu ansetzen kann.
In einer grundlegenden Verkettung von zeitlichen und räumlichen Verschiebungen nehmen die Bäume so versetzbare Positionen ein, die keinen Platz/Ort erstellen, sondern einen hybriden Raum, der in seinen sämtlichen Dimensionen um sich greift und sich dabei bis in das ‘me’ des Titels ausweitet, das als Bezugspunkt immer schon in die Anordnung mit einbezogen ist und die Baum/Bildmaschine  zu entgrenzter Subjektivität erweitert.

 

Außenstellen
Die Palmensilhouetten in ‘Fair Town 5’ (2001) [Abb.4] sind von vornherein ausdrücklicher Teil einer sehr viel provisorischeren Installation. Wie ‘trees older than me, waiting’ nicht Landschaft oder gar Natur ist sondern Garten, ist ‘Fair Town’ nicht Stadt sondern Architektur. Während die Bäume ihre Imposanz nicht zuletzt aus der scheinbaren Unangemessenheit der Verschiebungen beziehen, gibt in ‘Fair Town’ wie auch in der vorausgehenden ‘Town Town’ Serie Architektur immer nur wieder selbst ihren eigenen Horizont an und entwickelt die Formen ihres Aufeinandertreffens als freies Spiel, für das es kein Aussen geben kann, gegen das es sich abzeichnete oder das ihr als Anderes entgegenstünde. Selbst die Palmen in ‘Fair Town 5’ grenzen sich zwar von anderen Elementen ab, sind mit ihren sichtbaren Lattenstützen gleichzeitig aber prominenter Teil der Architekturkonstruktion, in der sie sich als Naturableitungen dann wiederum an den Bambuszaun anbinden, der im unteren Bildteil angelehnt steht und den Lastwagenaufbau zum Abschluss eines Raums verlängert, dessen anderes Ende eben die Palmenfassade bildet.
Die Palmensilhouetten sind ebensowenig Palmen wie der Bambusschirm Zaun ist oder gar Wald, aber der Blick von hinten, den die Arbeit bietet, ist nicht Blick hinter die Kulisse, sondern Blick auf eine andere Art Anordnung, die selbst mit Sichtbarkeiten und deren Abgrenzungen umgeht. Vielleicht deutlicher als anderswo in Fair Town bleibt diese Anordnung ganz nah am Bild. Der Bildraum ist ausdrücklich nur als Fläche organisiert, in der der Schirm aus Laubwerk Bambus und Palmenkonturen hinterfängt und beide in Flächigkeit und Motivik aufgreift. Der zwischen sie gespannte Raum erstellt sich damit hier als bloße Möglichkeit, die sich aus der reinen Verschiebung von Elementen herstellen lässt.  Jeder fixierte Horizont ist für diesen Raum im Blattwerk ausgeblendet und in der horizontartigen Aufreihung der Palmensilhouetten nochmals verweigert. Statt den Hintergrund zu bilden, legt sie sich über ihn und folgt statt einer vorgestellten Horizontale den Rändern des Bildes und faltet sich ihnen entsprechend seitlich um.
Die verschiedenen architektonischen Anordnungen sind in der ‘Fair Town’ Serie immer nur je eine Konfiguration von Raum und Zeit, Volumen und Struktur unter anderen möglichen. Gerade der die Serie durchziehende weiß umspannte Raum öffnet sich nicht nur auf ein Innen, das sich nie wirklich zum Innenraum schließt und seine Abgrenzung vielfach verhandelt, sondern ist dabei auch in ein Wechselspiel mit anderen Provisorien und Behältnissen vom Pavillonrahmen bis zu Müllcontainern eingebunden. Selbst die permanentere Architektur von Messehallen und -turm (soweit diese denn wirklich als dauerhafter gelten kann) erscheint hier nur als Folie, die in der Spiegelung ihrer Fenster fast als reines Licht im fotografischen Bild verschwindet und damit gerade auch gegen die weiße Haut ansteht, die sich nicht nur über ihr Gerüst spannt, sondern immer auch über die Bildoberfläche zieht und so mit dieser konkurriert. Im Bild stellen sich so Anbindungen als Erweiterung des Architektonischen her, die sich von dessen Anordnungen fast gänzlich ablösen.
Volumen und Oberflächen unterlaufen sich in diesen Abweichungen gegenseitig und beharren dabei aber in perspektivischen Verkürzungen und nicht-bildparallelen Anordnungen gerade auf den verschiedenartigen Besetzungen von Raum. Wo der Pavillonrahmen Volumen absteckt und so Raum strukturiert, und die weiße Haut ihn andererseits behauptet und vereinnahmt, ohne ihn zu organisieren, stehen sich grundverschiedene Modalitäten gegenüber, die mit den verschiedenen Elementen der ‘Fair Town’ Serie immer wieder neu gedacht werden können.

 

Zwei- und mehrwertig
Binäre Oppositionen greifen dabei zu kurz, gerade wo Motivpaare sich anbieten. Das Festgefügte und das Mobile, Gegebenes und Eingriff, Natur und Künstlichkeit heben sich in den Operationen der Arbeiten immer wieder auf und werden durch Gefüge vielfacher Zuordnungen und Einbindungen ersetzt.
Wie in den ‘Town Town’ Arbeiten gebaute Architektur immer nur von den provisorischen Konstellationen der Wohnanhänger aus zu sehen und denken bzw. überhaupt relevant ist, präsentiert auch ‘Fair Town’ nicht Modelle für eine andere Architektur. Die Modellfunktion ist eine grundsätzlich andere: Im Gegensatz zu den Nicht-Orten des Utopischen sind Jahrmarktinstallationen und Messearchitekturen, Palmenexotismus wie Gartenanordnungen andersartige Räume, die gleichzeitig real physische wie auch metaphorische Funktionen erfüllen und so metonymisch (als konkete Einschübe) und mythisch (als Modelle) zum Tragen kommen.  In Ilona Rueggs Arbeiten wiederholt und verdoppelt sich gerade diese Art Ambivalenz, wo sie Anordnungen, Architekturen und ihre Aufeinandertreffen zu Bildkonstruktionen überformt, in denen Raum und Zeit und Bild nur noch in Verschleifungen und gegenseitigen Vernetzungen vorkommen. Wenn es sich dabei in der Tat um so etwas wie ein Modell für andere Orte handelt, dann in (bild)räumlichen Vorschlägen und Möglichkeiten für Subjektivitäten, die sich in oder an ihnen einfinden könnten.

 

Orientierungen
Hang und Neigung oszillieren fast durchgehend. Zuerst einmal gibt es in ‘Hang und Neigung 5’ (2001) [Abb.5] ein Dickicht, in dem sich nicht nur der Blick im filigranen Gewirr der Verästelungen verliert, sondern auch die körperliche Orientierung im Ver-
hältnis zum Bildraum kippt.  Und dann führt die Lampe, die sich erst unmerklich, dann nachhaltig als fremd erweist, in diese Wirren eine weitere (Un)Ordnung ein, indem sie die helle Spur oben rechts als gestuften Weg durch das Dickicht anzeigt, von dem aus das Bild auseinanderfällt und sich neu wieder anordnet.
Sobald die Lampe als helle Stelle zumindest die Möglichkeit von Orientierung verspricht, ist das (optische) Dickicht und das Verlorensein in ihm notwendig erst durch den Weg zu denken und zu sehen und eröffnet auf der ganzen Bildoberfläche ein sehr anderes Gewirr aus hellen Flecken und Strichen, die sich mit der Lampe in verschiedenartige Zugehörigkeiten einbinden. So, wie die Lampe das Dickicht am Tag be- und erleuchtet  und damit Sichtbarkeit bzw. den Anspruch auf sie anzeigt aber nicht einlöst, verliert sich die Lampe als Helligkeit auch im Gewirr des Bildes, dem sie eigentlich das Versprechen auf Transparenz entgegenhält. Zur inhaltlichen und formalen Verbindung von Lampe und Weg tritt die optische Anbindung an die Helligkeiten zu ihrer Linken, die prominenter sind, aber eben nicht rund genug, um Lampe und nicht positioniert genug, um Weg zu sein. Und von diesen aus setzt sich das Schweifen dann zu den Helligkeiten am unteren Bildrand fort, und dann wieder zu den Stufen des Weges und von ihnen aus zu dem Stück Himmel am oberen rechten Rand des Bildes; oder auch von der Lampe aus zu den Baumstämmen, die ebenso ausgerichtet und hell sind wie ihr Pfahl, aber ein wenig ungleichmäßiger geformt sind als er und damit plötzlich genauso unmotiviert platziert erscheinen wie dieser, dessen scheinbare Willkür sich ihnen direkt mitteilt. Auch die schwächeren Lichtflecken laden sich als Fortsetzungen dieser Elementreihen auf, in denen das ganze Bildfeld zu Flimmern beginnt.
Im Nebeneinander und Gegeneinander der Versprechen auf Orientierung im Wald und Blickorientierung im Bild ergibt sich eine Form von Nahsicht, die die Bilder fast haptisch durchläuft  und dabei immer in die Kollisionen der verschiedenen Lesbarkeiten eingebunden bleibt. Orientierung greift hier nicht mehr, weil ihre verschiedenen Möglichkeiten gegeneinander anlaufen und sich von ihnen aus eine andere Art Irren einstellt, das jetzt im Dickicht des Bildes stattfindet. Die Unterscheidungen, die die Lampe eigentlich einklagt, sind nicht mehr klar; vielmehr entsteht die Verwirrung jetzt gerade von ihr aus  und ist weniger nomadisch als nomadisierend, indem sie immer wieder Elemente freisetzt, und das Bild gerade zwischen seinen verschiedenen Besetzungen angehbar wird. Orientierung öffnet sich hier auf die ganz andere Form eines Sich Einfindens, das gerade nicht mehr ankommt.

Dazwischen

Beim Betreten und Verlassen der Kunsthalle stellt sich dem Besucher ein etwa kniehohes Volumen – oder vielmehr stellen sich ihm verschiedene, präzis aufeinander abgestimmte Volumen – in den Weg. Sie sind gut überschaubar. Es ist klar ersichtlich, dass gewisse „eingezäunte“ Zonen (über zwei Drittel der Gesamtfläche der Eingangshalle) unbetretbar sind und dazwischen im Kreuz ein Weg angelegt ist. Das Kreuz bestimmt die Koordinaten des „hineingestellten“ Raums. Der Besucher wird zu dem in der Längsachse der Eingangshalle liegenden Gang mit den beidseitig integrierten Lautsprechern geführt. VOLUMEN / unveröffentlicht lautet der Titel dieses Werks von Ilona

DAZWISCHEN, Bernard Fibicher, erschienen in Katalog ILONA RUEGG, Kunsthalle Bern 2002

Ruegg. Die Mehrdeutigkeit des Wortes „Volumen“ weist schon auf dessen Mehrdimensionalität hin. „Volumen“ kann hier verschiedentlich aufgefasst werden als abstrakte Dreidimensionalität, als Rauminhalt, als Band einer Buchreihe (diese Interpretation wird durch das angehängte „unveröffentlicht“ gestützt) oder gar – in der französischen Akzeptanz – als Lautstärke.Das Volumen in der Eingangshalle ist nicht voll, massiv, monolithisch. Auf dem Grundriss besteht es aus parallelen Linien, aus Schraffuren, d.h. 10 cm dicken Platten, die auf einem Rost aus Holzlatten stehen.Es bildet sich somit ein orthogonaler Raster. Im Raum bilden diese Linien 29 parallele Hindernisse oder niedrige Wände, die alle anderen raumbestimmenden Elemente „durchqueren“: die Steintische, den durch die Bodenfugen angedeuteten Aufzug und die Wand zum anschliessenden Raum. Die (vom Eingang aus betrachtet) oberen Wandabschlüsse ragen wie Zinnen in den Hauptsaal hinein. Die einseitige dunklere Beschichtung der Platten ergibt den Eindruck einer „Schattenseite“. Die relativ geringe Höhe der Wände (60 cm) ist durch die Breite der Platten gegeben. Das Material – auf die Längskante gestellte Isolationsplatten – besitzt aber auch eine wichtige technische Eigenschaft: Es dient der Schallisolation und wird im Bau zu diesem Zwecke – zum Beispiel für Sporthallen-Decken – verwendet . Die Isolationsplatten in der Eingangshalle sind nicht geschichtet, was ihre Handhabung sehr vereinfacht hätte. Sie stehen in prekärem Gleichgewicht auf der Kante und werden durch „Zäune“ in Blöcken zusammengehalten. Für die Künstlerin steht demnach nicht die Idee der Ablagerung im Vordergrund, sondern die des Lagers: nicht „natürliche“ Sedimentierung, sondern „künstliche“ Aufstellung; keine übereinanderliegende horizontale Schichtung, sondern an einem Raster ausgerichtete Reihung.

Michel Foucault postulierte im kurzen, für Architekten verfassten Text „Andere Räume“ , dass in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht mehr das Zeitliche und die Geschichte im Vordergrund stünden, sondern dass nunmehr die „Epoche des Raumes“ prädominiere: „Wir sind in der Epoche des Simultanen, wir sind in der Epoche der Juxtaposition, in der Epoche des Nahen und des Fernen, des Nebeneinander, des Auseinander. Wir sind, glaube ich, in einem Moment, wo sich die Welt weniger als ein grosses, sich durch die Zeit entwickelndes Leben erfährt, sondern eher als ein Netz, das seine Punkte verknüpft und sein Gewirr durchkreuzt. (...) Heutzutage setzt sich die Lagerung an die Stelle der Ausdehnung, die die Ortschaften ersetzt hatte. Die Lagerung oder Plazierung wird durch die Nachbarschaftsbeziehungen zwischen Punkten oder Elementen definiert; formal kann man sie als Reihen, Bäume, Gitter beschreiben.“ Genau diese Merkmale und Motive – Juxtaposition, Lagerung, Plazierung, Reihe, Gitter – prägen auch die Arbeit VOLUMEN/unveröffentlicht von Ilona Ruegg. Wie Michel Foucault widersetzt sich die Künstlerin einer absolutistischen Perspektive, die von einem kontinuierlichen, geschlossenen, für sich existierenden Raum ausgeht. Der Raum wird vielmehr als etwas Relationales, als das Ergebnis eines Prozesses der Anordnung, aufgefasst bzw. vorgeführt. Die Relativitätstheorie hatte zu Beginn des 20. Jahrhunderts den Raum (und die Zeit) als dynamische Grösse definiert, der durch alles, was in ihm geschieht, beeinflusst werden kann. Die Auflösung des klassischen Raumbegriffs schlug sich in der bildenden Kunst u.a. im Kubismus und im Futurismus nieder.

In seinem Roman Der Mann ohne Eigenschaften, der erstmals ab 1931 in Teilbänden erschien, jedoch das (fragmentarische) Resultat jahrzehntelanger Arbeit darstellt, beschreibt Robert Musil die Stadt als dynamische Grösse: „Autos schossen aus schmalen, tiefen Strassen in die Seichtigkeit heller Plätze. Fussgängerdunkelheit bildete wolkige Schnüre. Wo kräftigere Striche der Geschwindigkeit quer durch ihre lockere Eile fuhren, verdickten sie sich, rieselten nachher rascher und hatten nach wenigen Schwingungen wieder ihren gleichmässigen Puls. Hunderte Töne waren zu einem drahtigen Geräusch ineinander verwunden, aus dem einzelne Spitzen vorstanden, von dem klare Töne absplitterten und verflogen. (...) Es soll auf den Namen der Stadt kein besonderer Wert gelegt werden. Wie alle grossen Städte bestand sie aus Unregelmässigkeit, Wechsel, Vorgleiten, Nichtschritthalten, Zusammenstössen von Dingen und Angelegenheiten, bodenlosen Punkten der Stille dazwischen, aus Bahnen und Ungebahntem, aus einem grossen rhythmischen Schlag und der ewigen Verstimmung und Verschiebung aller Rhythmen gegeneinander, und glich im ganzen einer kochenden Blase, die in einem Gefäss ruht, das aus dem dauerhaften Stoff von Häusern, Gesetzen, Verordnungen und geschichtlichen Überlieferungen besteht.“ Musils Stadt besteht nicht aus Häusern, einem Hauptplatz, einer Kirche, einer Markthalle und einem Rathaus; sie ist reine Dynamik, Rhythmus, Pulsieren, Geräusche, Schwarzweiss-Dramatik, Interaktion. Nichts ist starr und definitiv, alles ist relativ und relational. In Ilona Rueggs beiden Serien von Stadtbildern Town Town und Fair Town sind keine Menschen abgebildet: Es sind „bloss“ provisorische Anordnungen von menschlichen Behausungen (Wohnwagen) und Fragmente temporärer Städte in der Stadt (Freizeitpark) wahrnehmbar. Wie in Musils Beschreibung steht hier nicht dieses oder jenes Motiv im Vordergrund; es geht um nichts anderes als um changierende Relationen zwischen kaum erkennbaren Elementen, Helldunkel-Kontraste, ein komplexes Raumgefüge aus Einblicken, Durchblicken und Spiegelungen. Die menschliche Geschäftigkeit, die Dynamik der Stadt, die Musil schildert, hat sich bei Ruegg auf den Bildbetrachter übertragen. Das, was er sieht, entspricht keiner objektiven, klar identifizierbaren, nachvollziehbaren Realität. Durch den Blick konstruiert er sich (jedesmal) seinen (anderen) provisorischen Raum. Er improvisiert aufgrund der reichen Möglichkeiten, die ihm Unregelmässigkeit, Wechsel, Vorgleiten, Nichtschritthalten, Zusammenstoss, Stille, Rhythmus, Verstimmung und Verschiebung bieten. Ilona Rueggs Fotoarbeiten verbinden auf paradoxe Art Genauigkeit und Unbestimmtheit: Trotz einer äusserst präzisen Bildeinstellung gelingt es der Künstlerin, vieles in der Schwebe zu lassen. Ihre Städte und Naturausschnitte sind gekennzeichnet durch eine prinzipielle Unfassbarkeit, genauer: Unbestimmbarkeit oder Offenheit, die für die in den Beobachtungsprozess involvierte Person immer nur als subjektivistische Wirklichkeit erscheint.

Die akustische Komponente der Arbeit VOLUMEN/unveröffentlicht besteht aus vier distinktiven Teilen: Musik, gesprochene und gesungene Textfragmente und stille Partien. Man hört einerseits verschiedene Sprechstimmen (drei Männer und zwei Frauen) in drei Sprachen (Deutsch, Französisch, Englisch) und andererseits ein Duo Viola und Cello). Die „Partitur“ hat wohl einen Anfang und ein Ende – die allererste gesprochene Äusserung kündigt schon das Ende an: le temps qui nous reste –,doch ist sie so konzipiert, dass ein Einstieg jederzeit möglich ist. Der Text von VOLUMEN/unveröffentlicht besteht aus insgesamt 27 Zitaten, die von 24 Personen stammen. Er bildet eine Konversation zwischen Künstlerinnen und Künstlern, Kunstvermittlern, Schriftstellern, Filmemachern, Komponisten, Philosophen, aber auch völlig unbekannten Autoren: Giorgio Agamben, Michael Asher, Samuel Beckett, Gilles Deleuze, Dominique Gonzalez-Foerster, Gotthard Günther, Jean-Marie Straub & Danièle Huillet, Bethan Huws, Jean-Paul Jungo, Pierre Klossowski, Joseph Kosuth, Luigi Kurmann, Gary P. Leupp, Ulrich Loock, Paul Maenz, Charles Perrault, Raymond Pettibon, Martha Rosler, Joe Scanlan, Gregor Schneider, Franz Schubert, Kurt Schwitters und Lawrence Weiner. Diesen Personen, die aus den verschiedensten Zeitepochen stammen, werden (fremde) Stimmen verliehen – einige Sätze werden sogar gesungen. Ilona Ruegg hat nun diese „Zitate“ in einem parallelen, Fussnoten betitelten Text paraphrasiert . Sie ist die 25. Stimme in diesem Gespräch und trägt zu dessen noch grösseren Komplexität bei.

Wer spricht? Wessen Stimme hören wir? Wenn aus einem längeren Gespräch zwischen Rémy Zaugg und Jean-Paul Jungo nur der aus dem näheren Kontext herausgerissene Satz Que je laisse ou que j’élimine übrigbleibt und nicht mehr ersichtlich ist, worauf sich das Reflexivpronomen que bezieht, so ist anzunehmen, dass die Identität ihres Autors unwichtig ist. Die Äusserung könnte von irgend jemandem stammen. Anders verhält es sich bei Je ne vois rien que le soleil qui poudroie, et l’herbe qui verdoie oder Lass irre Hunde heulen vor ihres Herren Haus: Diese Sätze kommen einer französisch- bzw. deutschsprachigen Person unweigerlich bekannt vor. Sie entstammen in der Tat dem populären Märchen La barbe bleue von Charles Perrault bzw. Franz Schuberts Winterreise und gehören zum kulturellen Allgemeingut. Auch wenn wir die Autoren dieser Sätze nicht kennen, so „sprechen“ in diesem Fall unsere Erinnerungen. Das Zitat als Ausschnitt aus einem Text besitzt in der Regel einen interpersonalen Aspekt. X selektioniert ein Zitat des Autors Y und intendiert damit einen positiven oder negativen Transfer zwischen X und Y. Obwohl dieselbe Person – Ilona Ruegg – die Textfragmente ausgelesen hat und sie ausserdem noch paraphrasiert, entsteht jedoch keine Einzelperspektive. Es dominiert nicht die privilegierte Stimme der Autorin, sondern viele, teilweise einander widersprechende Stimmen sowie die unterschiedlichsten Stilebenen erklingen gleichberechtigt nebeneinander. Das Gespräch ist ein Polylog diversester Standpunkte, die meistens nur im konstruktiven Beziehen aufeinander durch den Hörer „Sinn“ ergeben. Die Künstlerin intendiert weder eine Synthese noch eine kommunikative Eindeutigkeit. Ihre komplexen Textvernetzungen tragen Merkmale des Hypertexts, der hier nicht nur aus Wörtern und Texten, sondern auch aus Tönen, Materialien, räumlichen Strukturen, ja Bildern besteht. Der Hypertext ist kein linearer Text, sondern ein Komplex von Texten, die untereinander vernetzt sind. Eines seiner wesentlichen Merkmale ist die Diskontinuität, seine einfachste klassische Entsprechung das Versatzstück. In Rueggs Fotoserie Escalator liegen noch in Plastikhüllen eingepackte Rolltreppen auf der nächtlichen Strasse und in der Serie Trees older than me, waiting stehen „mobile“ Olivenbäume, deren Wurzeln mit ein wenig Erde in Plastikplanen eingewickelt sind, in der Landschaft herum. Räumliche (aber auch zeitliche: older, waiting) Diskontinuität sind das eigentliche Thema dieser beiden Serien: Was nach oben und unten führen sollte (Rolltreppe) liegt bewegungslos in horizontaler Position und was sich im Prinzip vertikal entwickelt (Baum) wird mobil und transportierbar. Diskontinuität entsteht in VOLUMEN/unveröffentlicht durch das Hineinschieben eines Raums in einen bestehenden Raum, das gegenseitige Durchdringen dieser beiden Räume, durch das (provisorische) Aufstellen von normalerweise (definitiv) horizontal fixierten Elementen, durch den Einsatz von Deckenplatten auf dem Boden. Die akustischen „Versatzstücke“ in dieser Arbeit (die „Zitate“, die Musik) verweisen ebenfalls auf etwas anderes. Die versammelten Stimmen fliessen aus den verschiedensten Quellen zusammen, dringen im „Zwischenlager“ der Eingangshalle ins Bewusstsein der Hörer ein und verflüchtigen sich wieder oder konkretisieren sich als „Fussnoten“ – seien es nun Ilona Rueggs oder unsere eigenen. Die Künstlerin nutzt das hypertextuelle Potential von Sprache voll aus.

Sprache ist in der Tat keine Ansammlung von geschriebenen oder gesprochenen Wörtern (Lexikon), Sätzen, Äusserungen oder Texten, die gewissen Regeln (Syntax, literarischen Kategorien, gesellschaftlichen Usanzen usw.) entsprechend strukturiert sind oder den gewohnten Strukturen zu widersprechen suchen (Dichtung, Metapher). Sprache ist ein Kommunikations- und Erkenntnisinstrument, das Beziehungen zwischen Dingen und Konzepten, zwischen signifiant und signifié, zwischen Texten (Intertextualität), zwischen dem Subjekt und der Welt, zwischen Menschen, zwischen Menschen und Maschinen, herstellt. Es liegt auf der Hand, dass Sprache als Ausdruck dieser (realen, möglichen, fiktiven) Beziehungen nur unzulänglich sein kann. „Die Welt“, die Menschen, die Gedanken und Konzepte, die Sprache selbst sind in ständiger Veränderung begriffen: Ihre Relationen können folglich nie als gesichert, abgeschlossen, konstant, kurz: definitiv gelten. Überhaupt ist Sprache nur der sichtbare/hörbare Teil einer viel reichhaltigeren, textexternen, aussersprachlichen Realität. Nathalie Sarraute hat den Begriff der sous-conversation, des Infra-Gesprächs geprägt, das aus kaum durch Sprache ausdrückbaren Empfindungen, Bildern, Gefühlen, Erinnerungen, Impulsen besteht. Sie hat versucht, das Bewusstsein zu durchbrechen und hinunterzusteigen „in diese stillen und dunklen Regionen, in die noch kein einziges Wort gedrungen ist, auf die die Sprache noch keine eintrocknende und versteinernde Einwirkung gehabt hat, in das, was noch Unbestimmtheit, Virtualität, vage und umfassende Gefühle ist, in dieses Ungenannte, das sich gegen die Wörter auflehnt und sie trotzdem verlangt, weil es ohne sie nicht existieren kann.“ Ilona Ruegg trägt der Unzulänglichkeit der Sprache Rechnung, indem sie in VOLUMEN/unveröffentlicht Textfragmente einsetzt, die keinen Anfang und kein Ende haben, Sätze ohne Verb, ohne Subjekt, ohne Objekt, ja sogar einsilbige Äusserungen (z.B. die Vorsilbe dis von discontinue). Wenig ist ausformuliert, vieles bleibt in der Schwebe. Es findet ein Oszillieren zwischen Tiefenstrukturen und Oberflächenstrukturen, um die Terminologie von Noam Chomsky zu benützen, zwischen sous-conversation (Vorsprachlichem) und Konversation (Artikulierung), um mit Sarraute zu sprechen, statt. Die Äusserungen sind nicht nur horizontal, d.h. in einer Zeitlichkeit, durch die Techniken der Erinnerung, Vorausahnung, Wiederholung, Spiegelung miteinander verbunden.

VOLUMEN/unveröffentlicht ist polyphonisch organisiert. Der Begriff „Polyphonie“ bezeichnet in der Musik einen mehrstimmigen Satz mit selbständiger melodischer Führung der einzelnen Stimmen. Die Ästhetik der Polyphonie (Kontrapunkt genannt) besteht in einem beständigen Vergleich der Stimmen im Hinblick auf die Form ihrer Fortbewegung: Parallelführung oder verschiedenen Arten der Verschiebung. Die Wahrnehmungsstruktur in VOLUMEN/unveröffentlicht ist ähnlich wie in einem polyphonen Werk. Der Besucher hört gewisse Sätze oder Worte gleichzeitig mit anderen; er hört die Komposition als ein Ganzes. Um den Sinn der einzelnen Sätze zu verstehen, muss er aber die Fragmente, die ihn „ansprechen“, selektionieren und andere auf der Seite lassen. Er nimmt in teils bewusster teils unterschwelliger Art und Weise die conversation und die sous-conversation auf. Was Adert bei Nathalie Sarraute analysiert hat trifft auch auf Ruegg zu: “La graphie de la narration sous-conversationnelle procède donc par empilage de voix qui s’enchâssent les unes dans les autres pour créer une moire au chatoiement extraordinaire: elle est une partition polyphonique dans laquelle les voix du locuteur, de l’interlocuteur et de tous les autres parleurs font retour sous la forme d’une pulvérulence de voix enchevêtrées. Au regard de l’histoire des formes, il est intéressant de souligner qu’il ne s’agit plus ici de monologue intérieur, car la sous-conversation ne déploie pas ce qui se passe dans la tête d’un sujet entre les répliques du dialogue; elle réalise en effet l’éclatement de l’unité factice du locuteur, l’effacement des claires délimitations entre soi, l’autre et les autres [...]” Wenn wir also noch einmal die Frage stellen, wer in VOLUMEN/unveröffentlicht spricht, so kommen wir zum Schluss, dass es weder die Autorin des Stücks noch die einzelnen zitierten Autoren sind, sondern alle parallel zueinander oder zeitlich/räumlich verschoben, d.h. kontrapunktisch. Dieses Spiel auf mehreren Ebenen, die Konfrontation der Stimmen und Diskurse, bringt nicht nur den Verlust des Subjekts und einer einheitlichen Logik mit sich, sondern auch den der räumlichen Einheit. Die Polyphonie besitzt hypertextuelle Merkmale und erweckt den Eindruck, man befände sich in einem vielschichtigen, mehrdimensionalen Raum. Sie vermittelt eine Vorstellung von Tiefe, d.h., sie fördert die Wahrnehmung in der Zeit, ohne einer Illusion zu verfallen.

Die Fotoserie Hang und Neigung von Ilona Ruegg besteht aus dem (illusorischen) Versuch, einen Abhang bildparallel darzustellen, ohne dass uns ein Hauptmotiv bei der Bestimmung von oben und unten, vorne und hinten helfen würde. Vor unseren Augen konkretisiert und verflüchtigt sich Unterholz, Unterschwelliges, Strukturloses, Raumloses, reines Dazwischen. Der Grad der Steilheit des Hangs ist nicht auszumachen. Tiefe ist kaum angedeutet. Alles ist (untereinander und in Bezug zum Betrachter) distanzlos. Maurice Merleau-Ponty hat die Distanz phänomenologisch gedeutet als persönliche Investition in eine räumliche Beziehung: „... man kann die Wahrnehmung der Distanz nur als ein Sein in der Ferne verstehen. (...) Die Distanz ist unmittelbar erfahrbar, sofern wir die lebendige Gegenwärtigkeit wieder finden können, in der sie sich entfaltet.“ Wichtiger als der Hang oder die Neigung im Bild ist der Hang oder die Neigung des Betrachters gegenüber dem Bild. Nur beim aktiven Wahrnehmen verliert es die Distanz, gewinnt es an Tiefe. Nur durch das Sehen erhält das Wahrgenommene Relationen, die nicht vorgegeben waren, sondern sich einzig aus dem Medium der Anschauung ergeben. Das Bild ist nicht Abbild, sondern das ständig wechselnde und ununterbrochen von neuem sich erzeugende Resultat eines geistigen Vorgangs. Der Text ist bloss Prä-Text (sous-conversation?), der einem jedesmal andersartigen, subjektiven Formierungsprozess unterzogen werden muss. Die provisorische Aufstellung von Schallisolationsplatten bildet ein auf bestimmte ästhetische, akustische und räumliche Bedingungen hin angelegtes Zwischenlager. Ilona Ruegg stellt Bildgefüge, Sprachorte, Klangwelten, Imaginationsräume zur Verfügung, in die der Betrachter/Hörer nicht hineingezogen wird, sondern die er erobern muss, für die er sich jedesmal neu entscheiden muss: zwischen Licht und Dunkelheit, zwischen Dickicht und Lichtung, zwischen Verortung und Mobilität, zwischen Gebundenheit und Autonomie, zwischen vorne und hinten, zwischen vorher und nachher, zwischen hier und dort, zwischen veröffentlicht und unveröffentlicht, zwischen Volumen und Transparenz. Du possible, sinon j’étouffe.

A-Z ohne 1 + 1

Ach wie gut, dass niemand weiss
Adler von Oligozän bis heute
Adressbuch deutscher Bibliotheken

Architectue in Los Angeles: a complete guide

Alles falsch

And other works

A - Z OHNE 1+1, Ilona Ruegg, ausgewählte Titelliste aus der Bibliothek für Zeitgenössische Kunst, Leipzig 2000

A new refutation of time

A quiet revolution

Arbeiten im Dunkeln
A reader

Art & Language
A Sense of Common Ground

A Spot on the Wall
Auftstieg und Fall der Moderne

A World at a Time
Backstage

Bauhausbauten in Dessau
Behind Eyes

Beirut – Berlin

Big-Conference Center, Erasmus is Late
Bilder ohne Bilder

Bilderstreit
Bismarckzeit

Bits & Pieces
Botschaften der Macht

Blaue Reiter
Blaue Vier

Broken Music
Broken Neon

Buchstäblich
Cancelled Projects

Can you hear me?

Catalogue raisonné

Coulour- Transparency

Cabanes éclatées 26A and 26B

Dada in Japan

Dada in Zürich

Date Paintings

Découpées

Deep Storage

Dein Wille geschehe

Dictionnaire Abrégé du surrealisme

Die drei Lügen der Malerei

Die Mechanische Braut

Die Naiven der Welt

Eine Theorie der Abstände

Eine unvollständige Enzyklopädie

Ein Gespräch

Erinnerungsphotos 1965

Es ist kalt geworden in Utah

Et tous ils changent le monde

Exposure: Open Walls – Bordered Lawns

Fall nach oben

Family Nation Tribe Schift

Farbe

Film Stills: Emotions Made in Hollywood

Familyland

Féminin Masculin
Femmes et Fleures

Fliegende Birke

Fluxus Virus

Folding Pablic Plans

For Sale

Freundlichs “Aufstieg“

From A to B and back again

From Time to Time

Frühe Bilder

Full House

Fünf plus Eins

Gedächtnis der Bilder

Gegenstandslose Welt

Holy Cats by Andy Warhol’s Mother

Il Corpo del Colore

Im Weissen Raum

It always jumps back and finds ist way

J’aime l’éléctricité

Jetzt geh ich in den Birkenwald denn meine Pillen wirken bald

Komm lieber Mai und mache

Kunst des Fliehens

Kunstrecht von A – Z

L.A. lost and found

L’architect est absent

La vie et l’oeuvre de Gustave Courbet

Les Miserables

Lexikon der Kunst 1997. [Monolog]

Links

Lives Here

Living Units
Lovers

Man darf keine Angst haben

Männer ohne Frauen, Parsifal

Mes Poupéé

Missing Time: works on paper 1974 - 1976 reconsidered

MORT D’OR

Muss ich weiterlesen? Die Zeit vergeht. Sie weiss es nicht besser

Nau Em I Art Bilong Yumi

Neither from nor towards

1936 verbotene Bilder

Never odd or even

Nur ein anderer Raum

Obstakel Obst und Gemüse

Offene Bibliothek

On the passage of a few people through a rather brief moment in time

Osaka über den Linden

Pace Car for the Hubris Pill

Paintings and Writings

Pictures of the Real World (in Real Time)

Primal gestures, Minor roles

Privatgrün

Probing the Earth

Red Tapes

Range ta  chambre

Reading room

Red tapes

Regeln der Kunst
Rembrandt als Unternehmer: sein Atelier und der Markt

Reorganizing structure by drawing through it

Respirateur

Restes de la Meduse

Return of the real

Rock my religion

Rot in der russischen Kunst

Sandwiches: pressing, pushing and pulling

Schöne Aussicht

Schöne Welt

Seamless

Selfmade matches

Sink of time

Soll und Haben

Songs and other lies

Späte Bilder

Speed

Still Life with Flowers

Still Moving Pictures

Stop the Train

Struktur und Sinn

Strumpet muse

Suddenly one Summer

Sturm

Tapisseries d’Aubusson

Tatlins Dream

Tatlins Rasierschale

The Foundation
The Last Supper

The man who got replaced

The map and the territory

The period of time when systems are inactive, due to failure

The tumbler on fire

This not That

Three blind mice

Übrigens sterben immer die anderen

Umbauten

Unhinged

Unintended Monuments

Verbrennen, verholzen, versenken, versanden

Vergessen

Vestizione Della Sposa

Vier Wände

Walking in Circles

Wall to Wall

Watercolours

What we bought: the new world

While something is happening here, something else is happening there; works 1988 – 99

White studies

Who the Hell is He?

Woman of Dresden

Works

Writings 1973 – 1983 on works 1969 – 1979
Zero

Zur Geometrie des Samurais

Zwei gelbe Striche

Zwei plus eins

 

Some Moving Things

Man’s voice

the ceiling is painted whiter than the walls
this corner is built by a wall and a curtain
the floor extends through the doorway to the outside
the door opens easily from the inside

it is useless to reach the ceiling

not from wall to wall

SOME MOVING THINGS , Sprechstück für zwei Stimmen, Ilona Ruegg in FANTASY JACOBA IV, Bruxelles 1999

 

through the window you see the wall
why should you reach the entrance

 

l‘échelle


elle avait du mal à prendre l‘échelle dans le bus
le rideau, pas tellement pour elle, mais un rideau quand même
sa lampe, son ventilateur, mais pas son lit
elle prenait toujours sa bicyclette - quant au vase, je ne saurait dire
ce n‘est pas son étagère
sans chaise, difficile de bouger sa table
j‘aurais toujours voulu revoir son miroir

Woman’s voice

venant de l‘entrée sans cesse
non, plus proche de la porte
par la fenêtre peut-être
au-dessus du plafond, mais en-dessous du plancher
probablement de l‘extérieur de la fenêtre
pourquoi pas du coin dans le mirroir
ou de derrière le coin, sans toucher le sol
pourquoi éviterais-tu le coin à l‘intérieur des murs

 

the vase

 

he never liked the vase, he liked the aunt
the mirror, not so much for him, but nevertheless a mirror
his table , his chair, but not his shelf
he used to take the ladder, but for the lamp, I don‘t know
it is not his bed
without a fan, difficult to move his curtain
I always wanted to ride his bicycle again